Vermessungsingenieure auf der FOSSGIS Konferenz

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Als einer der Organisatoren der FOSSGIS-Konferenze ist Arnulf Christl ein bekannter Verfechter des Open Source Gedankens. Er ist Präsident der Open Source Geospatial Foundation (OSGeo) und Mitglied des Open Geospatial Consortium (OGC) Architecture Board. Herr Christl arbeitet als Softwarearchitekt. Nach langjähriger Geschäftsführertätigkeit bei der WhereGroup Gmbh & Co. KG hat er 2010 das Untenehmen metaspatial gegründet, dessen Ziel die In-Wert-Setzung von räumlichen Daten und GDI durch den Einsatz freier Software ist. Herr Christl konnte im Verlauf der FOSSGIS-Konferenz der FORUM-Redaktion einige Fragen beantworten.

Auf Ihrer Karte lese ich als Berufsbezeichnung, dass Sie Spatial Systems Architect sind. Können Sie uns näher erläutern, was Sie eigentlich machen?

A: Die Bezeichnung "Spatial Systems Architect" ist nicht besonders weit verbreitet, unter anderem weil es davon gar nicht so viele gibt. Die Aufgaben beinhalten das Entwerfen, Planen und Organisieren einer (Software) Infrastruktur, um räumliche Daten zu erzeugen, zu verarbeiten, zu pflegen und bereitzustellen. Dazu gehört meist die vorangestellte Analyse der Anforderungen und Definition der Ziele der Infrastruktur. Was früher mehr oder weniger mit einer Software (dem "Desktop GIS") erledigt wurde, ist heute eine Prozesskette die sich über mehrere Ebene einer Software-Landschaft erstreckt. Die Aufnahme im Feld erfolgt auf mobilen Geräten, die Aufarbeitung auf Workstations, die Bereitstellung über Server im Netz und die Weiterverarbeitung mittels dem Datenbereitsteller unbekannter Softwareprodukte. Auf der anderen Seite ermöglicht die immer höhere Vernetzung eine erhebliche Beschleunigung der Prozesskette von Erhebung bis Endnutzung, bis hin zur Echtzeitverarbeitung. Um das zu erreichen müssen alle Schnittstellen wohldefiniert sein und die Datenformate optimiert werden. Der Spatial Systems Architect betrachtet diese gesamte Prozesskette und optimiert sie.


Auf der FOSS-GIS Konferenz in Dessau sind Sie in mehreren Funktionen als Referent und Organisator aufgetreten. Worin liegt der Sinn und die Bedeutung der Konferenz? War die Konferenz dieses Jahr ein Erfolg? Es gab ja mehr Teilnehmer als bisher.

A: Die FOSSGIS hat sich von einem kleinen Anwendertreffen der UMN MapServer Software bei dem hauptsächlich neue Funktionen und Anwendungsbeispiele vorgestellt wurden zu einer vollwertigen Konferenz ausgewachsen die eine Vielzahl von unterschiedlichen Produkten und Anwendungsfällen bedient. In den Vorträgen wurden über 30 verschiedene Open Source Softwareprojekte, oft auch in Kombination vorgestellt. Die Konferenz erfüllt mehrere Zwecke. "Neulinge" im Open Source Bereich können sich über die Möglichkeiten orientieren während Praktiker ihre neuesten Lösungen vorstellen – auch um voneinander lernen zu können. Andererseits treffen sich auch Entwickler und Dienstleister, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Gerade dieser Mix aus Technikern und Anwendern macht die FOSSGIS so interessant. Und nicht zuletzt dient die FOSSGIS zum Netzwerken im sozialen Sinn, also Kontakte knüpfen und auch um Geschäfte anzubahnen.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der ausgebildeten Vermesser an den Teilnehmern der Konferenz ein?

A: Diese Information nehmen wir noch nicht separat auf, deswegen kann ich keine belegten Zahlen vorlegen (ich habe das aber als Anregung aufgenommen). Meine Schätzung liegt bei 20%.

Glauben Sie, dass der „klassische“ Vermesser noch die richtige Ausbildung hat, um im Geoinformationswesen der Zukunft mithalten zu können?

A: Da ich mich in der Ausbildung kaum auskenne fällt es mir schwer das zu beantworten. Auch ist es immer leichter etwas schlechtzureden als etwas besseres anzubieten. Ich gehe aber mal davon aus, dass die Ausbildung noch relativ wenig Software-bezogene Komponenten enthält. Allerdings halte ich es für sehr wichtig, dass es weiterhin eine fundierte vermessungstechnische Ausbildung gibt, denn es reicht nicht zu wissen wie man eine Software bedient. Das wird manchmal verkannt, und es kommt auch gerne mal viel Unsinn heraus, wenn reine Informatiker versuchen mit Projektionen umzugehen.


Der Öffentlich bestellte Vermessungsingenieur ist ein Teil des amtlichen Vermessungswesens. Wie sehen Sie die Bedeutung des amtlichen Vermessungswesens in der Zukunft? A: Anders als man vielleicht annehmen könnte halte ich das amtliche Vermessungswesens weiterhin für unersetzlich. Es wird in bestimmten Bereichen auf absehbare Zeit hin keine Alternative dazu geben, weder durch private Anbieter, noch durch kollaborative Projekte wie OpenStreetMap. Sowohl die ersteren wie auch die letzteren haben ihre eigenen Aufgabenbereiche und eine große Bedeutung, die sich in manchen Bereichen sicher auch mit der amtlichen Vermessung überschneiden, aber auf viele Jahre hin möchte ich doch meinen, dass ein amtliches Kataster auch von einem Amt mit qualifizierten Mitarbeitern gepflegt werden sollte. Allerdings sollte sich das amtlichen Vermessungswesens Neuerungen gegenüber offener positionieren und weniger Angst vor vermeintlicher Konkurrenz z.B. durch OpenStreetMap haben. Umgekehrt sollte man lernen die neuen Möglichkeiten von solchen gemeinschaftlichen Werken anzuerkennen und für sich in Wert zu setzen.


Wo sehen Sie die Aufgaben des ÖbVI in der Zukunft? Wie können Aufgaben gemeinsam angegangen werden?

Zunächst ist die Aufgabe unverändert die Erhebung und Qualitätssicherung räumlicher Daten im hoheitlichen Kontext. Wie bereits oben erwähnt halte ich die Nutzung der Arbeit anderer Bereichen wie z.B. Community-Projekte für einen wichtigen Bereich, der im Moment noch zu kurz kommt. EIN Schlagwort in der Politik ist Bürgernähe. Was könnte es naheliegenderes geben, als den Bürger in die Arbeit des Amtes direkt mit einzubeziehen? Ein erster einfacher Schritt ist die Vereinfachung und den ganz sicher kostenfreien Zugang zu Geodaten zu ermöglichen. Gegebenenfalls ist dafür auch eine Rückmeldung in die Politik erforderlich, dass die bisher hoheitlich, protektionistische Herangehensweise an Geodaten (vulgo: die Weigerung sie kostenfrei bereitzustellen) der heutigen Zeit nicht mehr angemessen ist. Es hilft hier auch nicht zu beteuern, dass ein Amt keine Politik machen darf. Denn wer, wenn nicht ein qualifizierter Vermesser sollte einem Politiker diese Hintergründe verdeutlichen können? Dem gemeinen Mapper aus dem OpenStreetMap Projekt wird sicher weniger Glauben geschenkt.

Wie können die amtliche Vermessung und der Gedanke der freien Daten zusammen kommen? Wo sind hohe Hürden?

A: Die Hürden liegen zunächst in einer falsch verstandenen Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit. Dabei wird nicht erkannt, dass Geodaten ein frei verfügbarer Rohstoff ist, der die Wirtschaft fördert, und nicht ein Rohstoff der ausgebeutet werden kann. Auf der anderen Seite muss auch die Open Data Community erkennen, das nicht alles was kommerziell gleich auch schlecht oder dem Projekt abträglich ist. Ein Thema, das beide Welten in Zukunft intensiv beschäftigen wird ist der Datenschutz. Es wird zunehmend unmöglich Geodaten nicht als datenschutkritisch anzusehen, da die Vernetzung mit anderen personenbezogenen Daten immer weiter voranschreitet. Auch hier sollte die amtliche Vermessung und freie Datenprojekte erkennen, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie unterscheidet. Auf technischer Seite sehe ich keine Hürden, Software (und auch Datenformate) sind heute so ausgereift und standardisiert, dass sie keine unüberwindliche Hürde für die Zusammenarbeit mehr stellen. Und auch inhaltlich ergänzen sind beide Bereiche, hierbei ist es wichtig, dass wir vor allem in der Anfangsphase dem anderen seine Aufgabe oder Erfolge nicht neiden und durchaus auch Redundanz in Kauf nehmen.